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Eilika Gosch China 2011/12

12 Monate ist es nun schon her, seit mein großes Abenteuer China begonnen hat; zwölf Monate in denen ich eine neue Kultur für mich entdeckt habe, eine Sprache, so einzigartig wie das Land selbst erlernt habe, eine zweite Familie gewonnen habe- mir ein neues Leben aufgebaut habe. 

Meine neue Heimat- 佳木斯(Jia Mu Si), eine Kleinstadt im nordöstlichsten Winkel Chinas. Es ist eine der kältesten Städte Chinas mit bis zu minus 33° Celsius im Winter, der fünf Monate andauert, und die Stadt, die in China als erstes den Sonnenaufgang sieht. Jiamusi ist noch traditionell chinesisch, es gibt keine westlichen Einflüsse. Das erschwerte das Leben dort für mich enorm, beispielsweise konnten die Menschen dort absolut kein Englisch, gerade Anfangs ein großes Hindernis.

Meine Familie bestand aus meinem Gastvater, meiner Gastmutter und meiner Schwester(17). Nur meine Schwester kann Englisch sprechen.

Mit ihr verstand ich mich gut. Sie musste viel für die Schule lernen und hatte dadurch wenig freie Zeit, diese verbrachten wir dann aber oft zusammen. Sie war 2010/11 mit AFS als Austauschschülerin im Deutschsprachigen Teil der Schweiz, was die Kommunikation zu Hause wesentlich erleichtert, allerdings litt der Chinesisch-Lernprozess darunter. 

Meine Gasteltern und ich hatten uns leider nicht sehr angenähert. Ich denke "die Chemie" zwischen uns stimmte nicht aber ich habe mich nicht getraut die Gastfamilie zu wechseln- rückblickend vielleicht ein Fehler. Aber man ist bekanntlich im Nachhinein ja immer schlauer. Trotzdem haben sie sich durchweg immer lieb um mich gekümmert und mir beim eingewöhnen in eine neue Kultur und Sprache enorm geholfen.

In China Freunde zu finden stellte sich als Herausforderung da. Schüler haben an meiner Schule bis 21Uhr Unterricht, müssen auch samstags zur Schule und verbringen ihre Sonntage in der Bücherei zum Lernen. Freizeit um sich mit Freunden zu treffen ist hier Luxus.

Ich ging mit drei anderen Austauschschülern auf die No.1 High School, eine der besten Schulen der Provinz. Samara aus der Schweiz, Andrea und Bea aus Italien. Sie sind Teil meiner chinesischen Familie geworden, meine engsten Vertrauten dort. Ohne sie wäre das Leben in Jiamusi sehr langweilig gewesen. Es gab bis zum Ende kaum einen Tag, den wir nicht zusammen verbracht haben. Auch seit unserer Rückkehr haben wir uns bereits in den Sommerferien für eine Woche in Italien getroffen. 

Der Schulalltag war wohl der größte Unterschied zwischen Deutschland und China. Offizieller Schulbeginn war um 7:30, was nicht hieß, dass die Schüler dann tatsächlich erst in der Schule waren. Viele kamen schon eine Stunde vorher zur Schule zum repetieren und lernen. 

Wenn dann der Unterricht begann, sagte der Lehrer "上课(shàng kè) = Unterricht beginnt" und alle Schüler standen auf und sagten "老师好(lǎoshī hǎo) = Guten Morgen Lehrer".

In China wird fast ausschließlich frontal unterrichtet, etwas was mir schwer fiel, diskutiere ich doch in Deutschland gerne und stelle Fragen. Wenn man eine Frage beantwortete oder etwas anderes im Unterricht sagte, stand man dafür auf. Bei einer richtigen Antwort klatschten die Mitschüler oft. 

Nach 3 Unterrichtsstunden am Vormittag fand die Morgengymnastik, beziehungsweise im Winter Rennen oder Marschieren statt. Bei diesen Übungen herrschte strengste Disziplin; Wer die Regeln nicht einhielt, musste manchmal danach weiter üben oder hatte ein unangenehmes Gespräch mit einem Lehrer. Von 11:40 Uhr bis 12:25 Uhr war Mittagspause, in welcher man außerhalb der Schule Essen ging, oder wie ich meistens, in die Schulcafeteria.

Bis zum Nachmittagunterrichtsbeginn um 13:10 Uhr gab es eine offizielle Mittagsstunden zum schlafen.

Für uns vier Austauschschüler hatte die Schule Extraunterricht zusammengestellt. So hatten wir vormittags Paper-Cut und Kalligrafie, nachmittags Fächer wie "gesprochenes chinesisch", "chinesische Kultur und Geschichte" oder "chinesische Gedichte". Auch Sportlektionen wurden für uns organisiert. Wir haben eine Badminton- und Volleyballlehrerin, und  im Winter hatten wir Schlittschuhfahren- Unterricht. All dieser Unterricht war sehr hilfreich, brachte mir Spaß und ließ das Schulleben nicht langweilig werden.

Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist dem deutschen nicht sehr ähnlich. Während des Unterrichts sind die Lehrer sehr streng und lassen nichts durchgehen. Oft führen die Lehrer auch Gespräche mit Schülern, oder kleineren Schülergruppen um sie "zurecht zu stutzen", was oft in lautstarkem Geschreie es Lehrers endet. Auf der anderen Seite können die meisten Lehrer auch so etwas wie Freunde sein. So habe ich des Öfteren Schüler zusammen mit Lehrern während der Mittagspause in einem Restaurant sitzen sehen. In Deutschland ist die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern dagegen sehr distanziert- ich jedenfalls könnte mir nicht vorstellen mit einem meiner Lehrer zu Mittag zu essen oder, dass einer dieser mich anschreien würde.

 

Im Verlaufe des Jahres konnte ich durch Reisen mit meiner Gastfamilie, Freunden und dem AFS auch viele andere Regionen Chinas kennenlernen. So war ich in der Hauptstadt Peking und habe dort den international anerkannten Chinesischtest HSK gemacht, war in Shanghai auf dem höchsten Gebäude Chinas, in der Sonderverwaltungszone HongKong, Yunnan, der landschaftlich schönsten Provinz Chinas, habe die Terrakotta-Armee in Xi´an gesehen und konnte an der chinesisch-russischen Grenze statt schwarzem, mal wieder blonde Haare sehen.

Von vielen anderen Austauschschülern habe ich gehört, dass sie sich seit ihrer Rückkehr mit Deutschland nicht mehr so verbunden fühlen und natürlich vermisse auch ich sehr viele Menschen, Angewohnheiten und Dinge aus China. Aber im Großen und Ganzen fühle ich mich Deutschland verbundener den je und habe so viele alltägliche Dinge mehr schätzen gelernt- von der medizinischen Versorgung bis hin zu weichem Klopapier, vom sauberen Trinkwasser bis Spannbettlacken und zuknöpfbaren Bettbezügen, von Schwarzbrot bis Kirchenglocken am Sonntagmorgen.

Nach fast einem ganzen Jahr China ist es keineswegs so, dass ich sagen könnte "Nun hat man es mal gesehen." - vielmehr war das wohl nur eine kleine Kostprobe, die dieses Land noch interessanter und anziehender macht.

 

Eilika Gosch

(王荟莉)