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Stormaner Tageblatt 29.06.2013

Austauschschüler Benjamin Baldursson (18) hat Deutschland entdeckt und vermittelt Gewohnheiten seiner Heimat
Zu Besuch aus Island

 

Zum Naseputzen auf die Toilette

 

29. Juni 2013 | 04:30 Uhr | Von Johanna Tyrell

 

 Bad Oldesloe. "Hast Du ein Pony?", "Wohnst Du in einem Iglu?" oder "Gibt es bei Euch überhaupt Sommer?" Es sind immer wieder die gleichen Fragen, die Benjamin Baldursson in den letzten zehn Monaten beantworten musste. Seit vergangenen Jahres lebt der 18-jährige Gastschüler aus Island nun schon in Schleswig-Holstein - erst in Heide und jetzt in der Kreisstadt Bad Oldesloe. 

 "Mit der ersten Familie hat es aber nicht gut gepasst", sagt er. Schon kurz nach seiner Ankunft hatte Benjamin Baldursson mit der Oldesloer Familie Krenz-Böhm Kontakt aufgenommen. Der Grund: Tochter Lenia wollte ebenfalls ein Jahr mit dem Austauschprogramm AFS ins Ausland. "Am liebsten nach Island", erklärt die 16-Jährige, inzwischen weiß sie jedoch, dass sie ihr Austauschjahr in Chile verbringen wird. Mit Benjamin hat sie sich auf Anhieb gut verstanden und nachdem er Weihnachten in Oldesloe gefeiert hat, wechselte er im Januar ganz die Familie.

Benjamin Baldursson stammt aus dem kleinen Küstenort Sauðár krókur im Nord-Westen Islands. "Eigentlich ist jede Stadt in Island an der Küste", erklärt er. Denn das Landesinnere ist und kaum besiedelt. In den 60er Jahren hätten dort die Astronauten für die erste Mondlandung trainiert, erklärt Benjamins Gastmutter Doris Krenz. Sie selbst war bereits dreimal auf der Insel.

"Ich wollte entweder nach Deutschland oder Thailand - da kommt meine Mutter her", berichtet der 18-Jährige. Neben Englisch, Dänisch und Französisch spricht er auch Thai. "Da hätte ich dann nicht so den Spaß gehabt, eine neue Sprache zu lernen." Zwei Monate Sprachkurs standen am Anfang seines Austauschjahres. Inzwischen spricht Benjamin fließend Deutsch. "Deutsch ist schwierig und auch nicht schwierig", sagt er diplomatisch. "Manchmal denke ich schon auf deutsch."

Große Vorstellungen von Deutschland hatte Benjamin nicht. "Ich wusste, dass hier ungefähr 80 Millionen Menschen Leben und dass jeder unterschiedlich ist", sagt er und lächelt. Und so war es dann auch. Doch was ist es, was ihn tatsächlich in Deutschland überrascht hat? "Die Geschichte mit dem Naseputzen", platzt es aus ihm heraus. "Das tun wir nicht so häufig und nicht so öffentlich." Überhaupt gäbe es gar keine Taschentücher auf Island. "Zum Naseputzen geht man auf die Toilette und benutzt dort Klopapier." Auch an die Liebe der Deutschen zum Radfahren musste er sich erst gewöhnen. Das Fahrrad, das ihm seine Familie für den Schulweg zur Verfügung gestellt hat, bleibt im Schuppen. "Ich gehe lieber zu Fuß zur Schule", sagt er. Benjamin Baldursson besucht in Bad Oldesloe die Theodor-Mommsen-Schule (TMS) und fühlt sich dort sehr wohl. Die Klasse sei nett, es gebe eine Gastschülerbeauftragte, die sich um ihn kümmert, und die Lehrer seien sehr engagiert und würden für ihn auch Extra-Aufgaben ausarbeiten. 

Auch in Island besucht der 18-Jährige noch die Schule. Das System dort sei jedoch ganz anders. "Man kann sich mit 16 Jahren entscheiden, wie lange und intensiv man zur Schule geht", erklärt er. So stellen die Schüler ihren Stundenplan selbst zusammen. Da könne es schon Mal vorkommen, dass man noch mit 30 Jahren zur Schule geht, sagt Benjamin. Er selbst ist jedoch bald fertig und möchte dann Biologie oder Chemie studieren.

Am Sonnabend, 6. Juli, geht es für den 18-Jährigen wieder zurück nach Island. Etwas aber steht jedoch jetzt schon fest. "Ich werde bestimmt wiederkommen."