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Svenja Kahnt Türkei 08/09

Wenn man mich heute fragt, warum gerade Türkei kann ich keine wirkliche Antwort geben. Als ich mich 2008 für ein Auslandsjahr entschied, stand für mich nur fest, dass ich ein Land kennenlernen wollte mit einer interessanten Kultur über die ich nicht sehr viel weiß, also kein Land wie z.B. die USA. Die Türkei war das perfekte Land dafür. 

Obwohl ich sehr gut von meiner Organisation AFS auf das Jahr vorbereitet wurde konnte ich mir das kommende Jahr nicht wirklich vorstellen, da die Türkei sowieso ganz anders ist als man denkt. Und so waren die ersten Wochen echt anstrengend und ich merkte sofort, dass Deutschland und die Türkei nur schwer zu vergleichen sind.

Ich lebte in einer sehr modernen nicht besonders religiösen türkischen Familie. Sie nahm mich von Anfang an total herzlich bei sich auf und behandelte mich wie eine zweite Tochter. So hatte ich schon bald das Gefühl eine zweite Familie bekommen zu haben. Auch meine kleine Schwester wuchs mir immer mehr ans Herz. Sie war 5 Jahre jünger als ich und ein ziemlich verwöhntes, aber sehr liebenswertes Einzelkind. Besonders für die Schulbildung gaben ihre Eltern wirkliche Unsummen aus. So besteht der Alltag eines türkischen Schulkindes auch aus nicht viel mehr als Schule und das 7 Tage die Woche! Von Montag bis Freitag ging meine Schwester bis 5 Uhr in eine Privatschule, bekam dann noch an manchen Tagen zusätzlich abends Unterricht von einer Privatlehrerin und am Wochenende gab es "Dershane", eine Zusatzschule fürs Wochenende in die ich aber nicht gehen musste.

Meine Schule, eine Anadolu Lisesi (vergleichbar mit einem guten Gymnasium), ist eine staatliche Schule und ging nur bis 3 Uhr Nachmittags, jedoch mussten meine Freunde ebensoviel lernen wie meine Schwester, was das Treffen außerhalb der Schule sehr schwer machte.
In der Schule wurde ich sofort extrem freundlich aufgenommen, wobei sich wieder einmal zeigte wie unglaublich gastfreundlich die Türken sind.
Der wohl größte Unterschied zu einer deutschen Schule ist die Schuluniform und eine dazu gehörige Haarordnung, Bartverbot, Schminkverbot, Schmuckverbot und Kopftuchverbot. Was viele Deutsche nicht wissen, in der Türkei gibt es, anders als in Deutschland, eine strikte Trennung von Staat und Religion und das umfasst unter anderem auch das Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden. Auf den ersten Blick wirkt das alles sehr streng und diszipliniert, auch dass man sich immer hinstellen muss wenn man im Unterricht dran genommen wird, jedoch verläuft der Unterricht ansonsten eher ähnlich wie in Deutschland, was z.B. das Verhältnis zu den Lehrern angeht, das Dazwischenreden im Unterricht oder das Spicken in Arbeiten (Darin sind Türken echt perfekt).
Ein weiterer Unterschied war das Singen der Nationalhymne montags vor der Schule und freitags nach der Schule. Alle auf Befehl in Reih und Glied wirkte das sehr militärisch und gerade für mich als Deutsche sehr befremdlich.

 

Der Alltag außerhalb der Schule war sehr spontan, geplant wurde eigentlich nie etwas. Zum einen war das ein ganz anderes Lebensgefühl, weil man nie wusste was der Tag bringen wird, auf der anderen Seite konnte man sich aber auch nie auf etwas freuen und vielleicht ist es auch besonders deutsch immer etwas organisieren zu wollen.

Es war die beste Idee meines Lebens ein Auslandsjahr zu machen und auf so besondere Weise ein mir vorher so fremdes Land kennen zu lernen. Was so ein Auslandsjahr wirklich bringt an neuen Sichtweisen und innerlichen Veränderungen kann man wohl nur nachvollziehen wenn man es selber mal erlebt hat. Es ist als hätte man zwei komplett verschiedene Leben kennen gelernt und was bleibt ist ein Traum von einem Land das so nicht existiert:
Ein Land mit türkischer Gastfreundlichkeit und Offenheit, mit deutscher Pünktlichkeit und türkischer Spontaneität, türkische Begeisterung wenn jemand versucht ihre Sprache und Kultur kennen zu lernen und deutscher Individualität, deutsche Toleranz gegenüber schlechter Verdienenden und eigener Meinung, türkische Kindervernarrtheit und Jungs die einfach so den Arm um die Schulter des anderen legen können ohne gleich als schwul zu gelten, deutsche antimilitärische Einstellung und türkische Sprache, deutsche Sauberkeit auf der Straße und Umweltbewusstsein, antalyanische Landschaft und türkisches Wetter, deutsche Häuser und Natur, aber die Möglichkeit zu Fuß einfach mal schnell in die Innenstadt laufen zu können oder am Meer Sonnblumenkerne zu essen, ...