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Lisa Kerl USA 08/09

46.9440 unvergessliche Minuten - mein Jahr in den USA

Hallo, mein Name ist Lisa, ich bin 17 Jahre alt und ich habe an dieser Stelle die Ehre von meinem Austauschjahr in Geneva, Illinois, USA zu berichten.
Ein Traum ging für mich in Erfüllung, als ich am 13. August mit vielen anderen AFS-Austauschschülern in Chicago, Illinois am Flughafen ankam. Ich stieg aus dem Flugzeug mit einem  Koffer voll Klamotten und einem  Kopf mit noch mehr Vorstellungen, von denen keine wirklich dem nahe kamen was ich bis zum 4.Juli 2009 alles erleben sollte.

Das erste richtige Erlebnis US-Amerikanischer Kultur durfte ich schon gleich am zweiten Tag erleben, als ich meine Gastfamilie das erste Mal traf. Die Freiwilligen des AFS-Komitees vor Ort schlossen uns in einem Raum ein und verhängten alle Fenster zum Hof, wo unsere Gastfamilien auf uns warteten. Sie wollten sicher stellen, das alle nacheinander an die Familien 'übergeben' wurden und wollten es besonders spannend machen. Länderweise wurden wir dann nach unten gerufen, und ein Schüler nachdem anderen durfte zu seiner Familie. Jedes mal wenn ein Name gerufen wurde, fingen alle an zu klatschen, die Familie rannte auf den Schüler zu (oder andersherum) und alle umarmten sich. Am Anfang fand ich das ganze ein wenig belustigend und sehr kitschig und das Vorurteil, dass Amerikaner gerne übertreiben, schien mir bestätigt. Doch als ich dann selber an der Reihe war, musste ich zugeben, dass es ein schönes Gefühl war, so herzlich willkommen geheißen zu werden und zu merken, dass Menschen, die dich nur durch e-mails und AFS-Profile kennen, so auf dich warten.

Die ersten Monate waren nicht einfach, aber sie waren die bisher lehrreichsten meines Lebens. Ich hatte mich an viel zu gewöhnen: den Alltag und die Familien-Dynamik der Careys, die Amerikanische Kultur und die Schule.
Sich in die Familie einzugewöhnen stellte sich als die einfachste Aufgabe heraus. Die Careys haben sehr viele Parallelen mit meiner deutschen Familie, an denen ich mich festhalten konnte während ich mich an das gewöhnte, was anders war. Größtes Hilfsmittel hierbei war die Kommunikation mit meinen Gasteltern und meinen zwei Gastschwestern. Durch Diskussionen, Fragen und gemeinsame Unternehmungen verstand ich, warum sie Dinge anders machen als ich und meine Familie in Deutschland, und ich konnte es ihnen gleich tun.
Das ich schnell Vertrauen und Halt in meiner Gastfamilie, und besonders in meiner  Gastmutter gefunden hatte, machte es mir auch einfacher mich an den Rest amerikanischer Kultur außerhalb des Familienlebens zu gewöhnen. Meine größte Herausforderung hier war zu erkennen, wann etwas wirklich ernst gemeint war und wann nur als Höflichkeit. Wenn mich in Deutschland jemand fragt, wie es mir geht antworte ich ehrlich, dass ich schlecht geschlafen habe, dass ich gerade einen außergewöhnlichen Tag verlebe oder was auch immer gerade zutrifft. In den USA fragen die Menschen ständig wie es einem geht, auch Fremde an denen man nur im Park vorbeiläuft. Normalerweise laufen solche Konversationen so ab: 'Hey! How are you?' 'Hi. I'm good and you?' 'I'm fine, thanks' Während dieses kurze Gespräch geführt wird, laufen die Gesprächspartner aneinander vorbei und schauen sich nicht einmal an. Ähnlich wie vorher auch war dies eine Sache, der ich erst eher skeptisch gegenüberstand, die ich dann aber als ein Kennzeichen eines sehr freundlichen Volkes sah.
Ein anderes Beispiel dieser Art ist, dass die Amerikaner sich sehr gerne gegenseitig ermutigen und loben, was einem normalerweise gut bekommt wenn man es zu schätzen weiß und sich auch nicht zu viel darauf einbildet. Mir wurde am Anfang etwas unwohl, als ich öfter Komplimente bekam und Leute mich für die Dinge lobten, die ich selber gar nicht so gut fand. Nun denke ich das die USA gerade deswegen das 'Land der unbegrenzten Möglichkeiten' ist, weil jeder die Freiheit hat zu probieren, was er möchte und dafür auch normalerweise das Selbstvertrauen hat. Am Anfang kam mir dieses Selbstvertrauen wie Arroganz vor, aber die Amerikanische Gesellschaft ist wesentlich akzeptierender gegenüber Selbstdarstellern, Künstlern und Leuten, die einfach aufstehen und sagen was sie brauchen, wollen und können. Sie sind weniger kritisch und mehr ermutigend.
In der Schule kamen alle diese Dinge noch wesentlich stärker zum Ausdruck als Zuhause in der Familie. Dazu kam, dass ich mich auch an das amerikanische Schulsystem gewöhnen musste.

Das fing damit an, dass nicht die Lehrer von Raum zu Raum gehen, sondern die Schüler von Unterricht zu Unterricht gehen, und auch jedesmal andere Leute mit einem in der Klasse sitzen. Einerseits lernte ich dadurch viele Leute kennen. Aber andererseits fiel es mir dadurch auch schwer sie näher kennen zu lernen, weil nicht viel Zeit zum Reden da war. Es dauerte auch eine Weile, bis ich alle Wege durch die große Schule kannte und wusste wann ich in den 5 Minuten Pausen Zeit hatte zu meinem Spind zu gehen und wann nicht. Aber die Lehrer waren sehr verständinsvoll und nahmen es mir in den ersten 2 Wochen nicht übel wenn ich mal spät kam, weil ich mich verlaufen hatte. (Man muss dazu sagen, dass meine Schule in Deutschland knapp 900 Schüler hat, die auf 9 Jahrgänge verteilt sind, die Geneva High School hat knapp 2000 Schüler, die auf nur 4 Jahrgänge verteilt sind.) Auch die Unterrichtsweise ist in Geneva anders als in meiner deutschen Schule. Die Lehrer ermutigen die Schüler zur Arbeit und loben alles was nicht falsch ist. Sie haben ein viel freundlicheres Verhältnis zu ihren Schülern und erzählen auch mal Persönliches ohne dabei von den Schülern schief angeguckt zu werden. Wenn es zur Benotung kommt zählte aber oft nur die schriftliche Leistung, also Tests und Hausaufgaben, wobei in Deutschland ja auch sehr viel wert auf mündliche Leistung gelegt wird. Dadurch sind amerikanische Schüler viel fleißiger als deutsche und es entstehen weniger Diskussionen im Unterricht. Das amerikanische Schule einfacher ist als deutsche, halte ich für ein Vorurteil. Dadurch das es in den USA kein dreiteiliges Schulsystem gibt, gibt es verschiedene Leistungsstufen in Fächern wie Mathe, Englisch, Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Eine gewisse Anzahl an Kursen ist in jedem Bereich Pflicht, der Rest freiwillig. Jeder kann seinen Stundenplan also seinem Leistungsvermögen und seinen Schwerpunkten anpassen. Geneva ist ein Ort in dem viele Akademiker und eher die Mittel- bis Oberschicht Amerikas lebt. Da die Schule von Steuergeldern der Gemeinde lebt, die entsprechend hoch sind, hat die High School relativ viel Geld, wodurch es ein breites Kurs- und Förderungsprogramm für alle Arten von Talenten gibt. Sowohl im Sport, als auch im akademischen und im musikalischen Bereich ist die Geneva High School in der Region heraus stehend.

Ende November ging es dann auf die 'Holiday-Season' zu. Es fängt an mit Thanksgiving, worauf Weihnachten, Hanukkah (jüdisches Fest der Lichter), Kwanzaa und diverse andere Feiertage folgen. Generell sagt man, dass dies die Zeit ist in der Austauschschüler richtig Heimweh kriegen. Bei mir war das nicht der Fall. Ich habe die Vorweihnachtszeit in Erinnerung als die Zeit in der ich zu einem richtigen Teil meiner Gastfamilie wurde. Ich merkte wie wohl ich mich fühlte in Geneva und vorallem bei den Careys. Ich hatte mich eingewöhnt und fühlte mich schon sehr amerikanisiert, ich hatte keine Sprachprobleme mehr und in der Schule lief auch alles super. Ich lernte in dieser Zeit auch meine erweiterte Gastfamilie kennen, will heißen Grandma und alle Onkels, Tanten und Cousins. Alle waren sehr nett und herzlich und Grandma bezeichnete mich gleich als ihre Enkeltochter. 

Im Januar war dann Halbzeit. Ich hatte mich an alles gewöhnt und fühlte mich schon sehr amerikanisch. Nach der Schule ging ich zu Clubs (auf Deutsch würde man wahrscheinlich AGs sagen) wie dem German Club, International Club, Leo's Club und gelegentlich Drama Club oder abends zum Spanischunterricht mit meiner Gastmutter und zur Chorprobe. An den Wochenenden unternahm ich etwas mit meinen Freunden oder meiner Familie. Auch mit anderen Austauschschülern hatte ich regen Kontakt. Ich war im Alltag angekommen.
Im März fuhren meine Gastfamilie und ich in den Südwesten der USA und besuchten unter anderem den Grand Canyon und mehrere Navajo-Reservate. Diese Reise zeigte mir wie facettenreich die Vereinigten Staaten sind. Man fühlt sich wie in einem komplett anderen Land, da die Landschaft so anders (und so faszinierend) ist und die Indianer ja untereinander Navajo sprechen. Diese Ecke ist sowohl kulturell als auch landschaftlich absolut beeindruckend. Hinzu kommt, dass ich während diesem Urlaub noch mehr mit meiner Familie zusammengewachsen bin. Müsste ich ein Highlight dieses Jahres wählen, wären es diese 10 Tage.

Nachdem die Frühjahrsferien im März zu Ende waren, wurde mir bewusst, dass ich nicht für immer in den USA bleiben würde und ich begann mir Dinge zu überlegen, die ich noch unbedingt machen wollte. So planten eine andere deutsche und eine finnische Austauschschülerin und ich eine Reise zu den Niagara Fällen, außerdem fuhren wir so oft es ging nach Chicago.  Im Mai kam dann auch langsam der Abschluss der Schule näher. Ich genoss die letzten Momente mit meinen Schulfreunden und durfte auch an der Zeremonie für die Schulabgänger teilnehmen. Ich bekam sogar ein ehrenhalbes Diplom.
Die letzten Wochen vergingen dann wie im Flug und ich war sehr traurig als ich gehen musste. Eine der AFS Freiwilligen sagte zu mir am Tag vor der Abreise: "Tomorrow you will really know what 'I love you' means. Use it well." (Das amerikanische "I love you" lässt sich sowohl mit "Ich liebe dich", als auch mit "Ich habe dich lieb." übersetzten und die Amerikaner benutzten es relativ oft.) So kam es dann auch. Mir wurde klar wie nie zuvor was es heißt Liebe und Freundschaft für eine Person zu empfinden und wie weh es tut sich von diesen Personen auf unbestimmte Zeit zu verabschieden.

Einen letzten Aspekt meines Austauschjahres möchte ich noch ansprechen und zwar den Kontakt mit anderen Austauschschülern durch den ich auch sehr viel über andere Länder wie Finnland, Indonesien, Schweden, Malaysia, die Türkei und viele mehr gelernt habe. Austauschschüler verstehen sich oft gegenseitig am besten und so haben sich sehr innige Freundschaften gebildet. Ich fühle mich jetzt nicht nur als Deutscher und Europäer sondern auch als Weltbürger. Zu wissen, dass eine Freundin in Malaysia die gleichen Visionen von einer besseren Welt hat wie ich, macht mich stark.

Ich habe für 10 ½ Monate in Geneva gelebt, um genau zu sein 326 Tage, das sind 7824 Stunden oder 46.9440 Minuten oder 28.166.400 Sekunden und Augenblicke. Es war eine  Zeit die viel zu schnell vergangen ist, aber in der ich so viel erlebt, gelernt und gelebt habe wie nie zuvor in so einer Zeitspanne. Ich habe nun vier Seiten über all diese Augenblicke geschrieben und gemerkt, dass ich ein Erlebnis wie mein Austauschjahr nicht vollständig in Worten erfassen kann. Noch viel weniger jedoch kann ich meine Dankbarkeit für diese Chance in Worte fassen. Diese 28.166.400 Sekunden haben meine Ansichten von unserer globalen Gesellschaft, der USA, Deutschland und mir selber verändert. Sie haben mein Leben verändert.